MEDIEN Zu Hause sollen sich die Hörer fühlen, sagt Metropol-FM-Macher Tamer Ergün. Es funktioniert: Seit nun 15 Jahren gibt es den deutsch-türkischen Privatsender. Eine Erfolgsgeschichte

VON ALKE WIERTH
„Eveeeeet, sevgili dinyelenler!“ – „Jaa, liebe Hörer!“ Er schallt aus Kreuzberger Dönerbuden, über Neuköllner und Weddinger Hinterhöfe und aus Taxen in der ganzen Stadt – und das seit mittlerweile 15 Jahren: Metropol FM, der türkischsprachige Radiosender aus Berlin.
Der Erfolg des einzigen türkischsprachigen Privatradios in Deutschland war keineswegs absehbar: Immer mehr türkeistämmige Deutsche nutzten deutschsprachige Medien, erklären Umfragen seit Jahren. Doch dem Erfolg des Türkfunks aus Berlin tat das keinen Abbruch.
Dass es eben auch die türkeistämmigen Migranten gibt, die nicht auf das tägliche Unterhaltungsmedium in ihrer Herkunftssprache verzichten wollen und sich dennoch damit nicht der sogenannten Integration in die deutsche Gesellschaft verweigern – das haben mittlerweile Institutionen wie etwa die Robert-Bosch-Stiftung, die Bundesagentur für Arbeit oder die Landeszentralen für gesundheitliche Aufklärung erkannt.
Sie nutzen Metropol FM für gemeinsame Kampagnen zur Förderung der Vorlesekultur in den Familien, oder um medizinische Themen wie Diabetesvorsorge auf die Agenda der Hörer zu setzen. Positiv auf die Einbürgerungsbereitschaft der EinwanderInnen aus der Türkei einzuwirken – auch das ist ein Anliegen des Senders.
Dass das zusammengeht mit dem oberflächlich-fröhlichen Geplauder und dem durchdesignten Klang eines Privatradios auf der einen Seite, mit Werbespots für islamische Beerdigungen in der Türkei auf der anderen, ist für Metropol-Chef Tamer Ergün keine Frage: „Es hat sich in Berlin, in Deutschland, eine eigene deutschtürkische Identität entwickelt“, sagt der 46-Jährige, der den Sender mitgegründet hat.
Musik und Erinnerungen
Als „Radio für Deutschtürken“ bewirbt sich Metropol auf seiner Webseite selbst. Diese Deutschtürken seien keine homogene Gruppe: „Aber ihre Identität beruht auf gemeinsamen Erinnerungen und Emotionen, auf Übereinstimmungen in der Art zu leben und zu fühlen“, sagt der Radiochef. „Und wir wollen den Menschen zeigen, dass dies keine unvollständige und problematische Identität ist, sondern eine, mit der man erfolgreich und zufrieden leben kann.“
Dieses gemeinsame Gut an Erinnerungen der Deutschtürken spricht der Sender etwa an, wenn er ReporterInnen zu Hausbesuchen bei EinwanderInnen der ersten Generation schickt und diese ihre Geschichten erzählen lässt – Erinnerungen, die alle türkeistämmigen Deutschen miteinander teilen.
Daneben sei es die Musik, die die HörerInnen verbinde, sagt Ergün, der mit Nachnamen eigentlich Yikici heißt, was aber für viele Deutsche schwer auszusprechen sei – weshalb er kurzerhand seinen zweiten Vornamen zum Nachnamen umfunktioniert habe. „Wir haben einen eigenen Klang geschaffen.“
Poppig-seichte, türkische Schlager, gefühlsgeladene Arabeskmusik, dazwischen fröhliches ModeratorInnengeplauder im Stakkatomodus, gern unterlegt mit eingespieltem Gelächter und Applaus: Wer des Türkischen nicht mächtig ist, auf den wirkt das Tempo des Privatradioprogramms leicht hektisch.
Taxifahrer Mohammed Y. weiß um diese Wirkung des Radiosenders auf manche seiner Fahrgäste und schaltet Metropol FM deshalb meistens ab, wenn Leute in sein Taxi steigen: „Aber wenn ich allein bin, höre ich es immer“, sagt der 45-Jährige. „Einfacher“ sei das für ihn, als deutschsprachige Sender zu hören: „Die Musik, die Sprache – bei Metropol muss ich mich nicht so sehr konzentrieren, um etwas mitzukriegen.“
Gut informiert fühlt sich der Mann, der als junger Erwachsener nach Deutschland kam, zudem: Mehrmals in der Stunde sendet Metropol FM Nachrichten, aufgeteilt in internationale, deutsche, türkische und Berliner News – teils in deutscher, teils in türkischer Sprache. Seine Kinder im Teenageralter hörten aber lieber Jam FM, sagt Y.: „Metropol ist eher was für die Älteren“, meint er, „die noch mehr Verbindungen zur Türkei haben.“
Vielleicht ist das der Grund, warum eine Diskussionsrunde mit dem türkeistämmigen Berliner Psychologen Kazim Erdogan, bei der es eigentlich um deutsche Klischees über türkische Männer gehen soll, sich bald stattdessen um die Frage dreht, ob Ehen mit „aus der Türkei importierten“ PartnerInnen (ithal damat und ithal gelin, also „Importbräutigam“ und „-braut“, sind die im Türkischen verwendeten Begriffe) gut gehen können.
HörerInnen diskutieren per Mail und am Telefon mit. Der Psychologe Erdogan spricht sich nicht grundsätzlich gegen solche manchmal, aber keineswegs immer, von Verwandten arrangierten Verbindungen aus. Wichtig sei, dass das Paar selbst sich vor der Hochzeit darüber verständige, ob und warum es zusammen sein wolle, sagt Erdogan.
Die Familie seiner Frau in der Türkei habe seine Ehe ruiniert, erzählt der letzte Anrufer: Ständig hätten sie neue, teure Geschenke von ihm erwartet: „Kauf uns ein Auto, bau uns ein Haus“, habe es geheißen, erzählt der Mann. Er ruft aus Mainz an: Seit mehreren Jahren wird Metropol auch in den Südwesten Deutschlands ausgestrahlt.
Derzeit bemühe man sich um eine Frequenz in Nordrhein-Westfalen, erzählt Ergün – mit guten Chancen: In dem dicht besiedelten Bundesland mit einer großen türkeistämmigen Minderheit gibt es bislang kein türkischsprachiges Radio.
Und in den bisher bespielten Regionen können die gut 30 Berliner MitarbeiterInnen von Metropol FM mit beeindruckenden Zahlen aufwarten: Bis zu 72 Prozent seiner Zielgruppe, also der türkeistämmigen Bevölkerung im Sendegebiet, erreicht Metropol FM. Auf Facebook haben etwa die Bildungskampagnen teils mehrere Zehntausend Likes.
An solchen deutschlandbezogenen Themen hätten die HörerInnen eben mehr Interesse als an News aus der Türkei, sagt Tamer Ergün. Politische Positionen, etwa zu den Demonstrationen und Polizeieinsätzen um den Istanbuler Gezipark im vergangenen Jahr, bezieht Metropol FM – wie auch viele andere Privatradios – indes nicht.
„Wir versuchen, so umfassend wie möglich und so neutral wie möglich zu informieren“, sagt Ergün. Vielen HörerInnen müsse man das, was in der Türkei passiere, zunächst „entschlüsseln“: Manche hätten ein verzerrtes, oft „zu rosiges“ Bild von der alten Heimat, sagt Ergün, der als Student nach Deutschland kam.
Doch Metropol ist ein deutsches Radio – und am Ende eben auch ein privates Unternehmen, das von Werbung lebt. Und da wird eingebunden, statt ausgeschlossen: In den Veranstaltungstipps findet sich das Kinderfest der nationalistischen türkischen Alperen-Bewegung neben dem Hinweis auf den Karneval der Kulturen. Im Werbeblock werben Lidl und Saturn auf Türkisch, ein Verein türkeistämmiger Unternehmer dagegen, der Ausbildungen anbietet, auf Deutsch.
Entscheidend sei, dass die HörerInnen sich „heimisch fühlen“, sagt Radiomacher Tamer Ergün. Und genau dieses Gefühl vermittelten ihnen die meisten deutschsprachigen Medien eben noch nicht.
Quelle: http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2014%2F06%2F18%2Fa0137&cHash=47c2df83a164ab0b3be8a5973f505acf